Digitalisierung -

Spiegel-Redakteur Martin U. Müller bei neuem „Change“-Kongress / Interview „Die Konkurrenz kann ein Klinikkonzern auf einem anderen Kontinent sein“

„Change Healthcare - Den Wandel gestalten“ heißt ein neuer Kongress am 7./8. November in Berlin. Es geht um „Digitalisierung: Umsetzung in die Krankenhauspraxis“. Als Dinnerspeaker konnte Martin U. Müller gewonnen werden, der sich beim „Spiegel“ um medizinische und gesundheitspolitische Themen kümmert. Er äußerte sich vorab zum Thema im Interview mit KMi-Chefredakteur René Adler.

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Klinik Markt inside: Was ist die größte Chance und was die größte Gefahr bei der Digitalisierung der Medizin?

Müller: Mit der Einführung des Stethoskops hat sich das Arzt-Patienten-Verhältnis gedreht. Bis dahin war der Patient der einzige Informationslieferant. Mit dem Stethoskop erdreistete sich der Arzt erstmals, Körperphänome wahrzunehmen, die dem Patienten verborgen blieben. Damit war die Entwicklung zur Dominanz des Arztes eingeleitet. Durch digitale Möglichkeiten wird das Verhältnis vom Kopf wieder auf die Füße gestellt. Der Patient wird wieder ’Herr im Ring’. Die größte Gefahr ist, dass man in der Gesundheitsbranche die Digitalisierung in ihrer Wucht unterschätzt.

KMi: Jeder kann unkontrolliert Gesundheits-Apps vertreiben. Wie problematisch ist das?

Müller: Ich sehe das entspannt. Es ist wie überall – nur weil etwas verfügbar ist, muss es nicht brauchbar sein. Die aktuellen Anwendungen schaden meist kaum, selbst wenn sie schlampig programmiert sind oder medizinischen Blödsinn als Grundlage haben. So sind sie Zeit- und Geldverschwendung. Überhaupt glaube ich nicht, dass Apps Probleme in der Medizin lösen. Sie sind nur die Schnittstelle zu Algorithmen und Systemen mit künstlicher Intelligenz. Wer sich da ran wagt, ist i.d.R. etablierter Player im Gesundheits- oder IT-Markt, hat einen Ruf zu verlieren und setzt deshalb auf eine Zulassung der Behörden sowie leitlinienkonforme Empfehlungen. Ich rechne schon bald damit, dass Klinikkonzerne wie selbstverständlich ihren Patienten Apps empfehlen werden, die direkt mit den eigenen Systemen interagieren können und einen internen Qualitätscheck durchlaufen haben.  

KMi: Welche Apps sollten zertifiziert werden?

Müller: Tracking-Apps, die Kalorienverbrauch, Schrittzahl oder Schwimmzüge messen, haben für mich nichts mit Medizin zu tun. Echte Medizin-Apps sollten - je nachdem wie invasiv sie eingreifen - die gleiche Zulassung durchlaufen wie Medizinprodukte oder sogar Medikamente. Ich kann mir auch vorstellen, dass es verschreibungspflichtige Systeme geben wird.

KMi: In welchen Fällen setzt sich Digitales besonders schnell durch?

Müller: In Ländern, in denen ein Arztbesuch eine finanzielle Hürde darstellt, werden sich die meist billigeren digitalen Lösungen in allen Indikationen schneller durchsetzen. In Ländern wie Deutschland, wo es ein relativ flächendeckendes Arztsystem gibt und die Bezahlung keine große Schwierigkeit ist, müssen digitale Systeme dem Behandler aus Fleisch und Blut überlegen sein. Sobald künstliche Intelligenz mit voller Wucht aufholt, wird das immer mehr der Fall sein. Auch darf man nicht unterschätzen, dass es eine Generation von Patienten gibt, die auch dann nicht zum Arzt gehen will, wenn die Praxis in der Nachbarwohnung ist. Sie hat gelernt, Taxis per Smartphone zu ordern, für den Flug online einzuchecken und kann sogar eine Beerdigung digital planen. Warum dann nicht den Arztbesuch zu jedem Zeitpunkt, ohne Wartezeiten, wahrnehmen? Was die Indikationen angeht glaube ich, dass sich Digitales besonders schnell bei Chronikern durchsetzt. Sie haben das größte Interesse, weil sie sich viel mit ihrer Krankheit beschäftigen müssen.

KMi: Das Smartphone kann Innenohraufnahmen machen, ein EKG aufzeichnen oder Vorhofflimmern erkennen. Werden wir künftig noch zum Hausarzt gehen?

Müller: Auf jeden Fall kann es sein, dass wir mit einer fertigen Diagnose zu ihm kommen. Ich glaube nicht an eine menschenleere Medizin. Aber die Frage wird sein, ob der Mediziner der Zukunft noch Arzt sein muss. Vielleicht taugt eine andere Qualifikation mehr, die Informationen zu verwerten.

KMi: Wird das Fernbehandlungsverbot fallen?

Müller: Das Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung ist ein medizinhistorisch spannendes Thema und wird heute in seiner Relevanz massiv überschätzt. Es ist kein Gesetz mehr, sondern eine Regelung in der Berufsordnung. Die Ursprünge liegen wohl in einem Reichsgesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten von 1927; es ging darum zu regeln, dass Ärzte Syphilis oder Tripper nicht aus der Ferne therapieren dürfen. Ich glaube, ein Arzt muss nicht jeden Patienten getroffen haben. Nach sechs Jahren Studium und noch mal so langer Facharztausbildung sollte er in der Lage sein, selbst zu entscheiden, ob das sein muss oder nicht. Fernbehandlung ist längst Realität: Hautärzte bekommen Bilder von Geschlechtsteilen ihrer Patienten zugemailt, Kinderärzte kriegen SMS vom Strand mit der Frage, ob das Fieber des Nachwuchses normal sei oder nicht. Es ist eine theoretische Debatte.

KMi: Was macht die Digitalisierung aus dem Verhältnis Arzt-Patient?

Müller: Ärzte müssen akzeptieren, dass Patienten viel wissen können. Früher musste man in eine Universitätsbibliothek gehen, wenn man mehr über die eigene Krankheit wissen wollte und sich Wichtiges aus einem Fachbuch abschreiben. Heute klickt man sich durch den Dienst ’Google Scholar’ und weiß über die eigene Diagnose vielleicht mehr als der behandelnde Arzt – der Patient muss sich nur mit seiner bikuspiden Aortenklappe befassen, der Kardiologe alle Herzkrankheiten im Blick behalten. Nur weil etwas im Internet steht, muss es nicht falsch sein. Im Gegenteil. Auch Menschen mit ziemlich kleinem Latinum finden richtige und vor allem verständliche Informationen. Darauf muss sich der Arzt einstellen. Er hat aber einen Trumpf in der Hand, den Patienten vorerst auch durch digitale Systeme schwerlich kompensieren können: klinische Erfahrung. Aber Approbation schützt nicht vor Wettbewerb.

KMi: Was bedeutet die Digitalisierung für Krankenhäuser?

Müller: Medizin wird zu einem Exportgut werden. Die Mayo-Kliniken wollen schon 2020 mehr als 200 Millionen Patienten jährlich behandeln. Das wird ohne Internet-Medizin nicht funktionieren. Die Konkurrenz kann also bald nicht nur das Haus um die Ecke sein, sondern ein Klinikkonzern auf einem anderen Kontinent. Zum stationären und ambulanten Sektor wird der digitale Sektor hinzukommen. Er ist eine Art Trichter und wird oft entscheiden, welcher Patient wo stationär aufgenommen wird. Mischt man digital nicht mit, kann es sein, dass man außen vor bleibt.

KMi: Ihr Vortrag lautet „Was die Medizin in Sachen Digitalisierung vom Journalismus lernen kann“. Geben Sie uns ein, zwei sachdienliche Hinweise?

Müller: Wir Journalisten hätten etwa von den Geschehnissen in der Musikindustrie gewarnt sein können, was Digitalisierung bedeutet. Doch manche haben gedacht, es betrifft uns nur am Rande, weil wir etwas tun, was man schwer disruptieren kann. Gleiches beobachte ich in der Medizin. Dabei unterliegt die Gesundheitsindustrie ähnlichen Mechanismen wie andere Branchen auch. Ich will anhand der Medien zeigen, welche Fehler man in der Medizin besser nicht machen sollte.

Alle Informationen zum Kongress finden Sie hier. 

Quelle: Erstabdruck in Klinik Markt [inside]. 15/2017, Seite 1-3, mit freundlicher Genehmigung. Die Fragen stellte KMi-Chefredakteur René Adler.

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